So rief Kathleen Hanna vor mehr als 30 Jahren laut ins Publikum. Als Frontfrau der Band Bikini Kill ermutigte sie Frauen, beim Moshpit nach vorne zu kommen – und sich nicht von den körperlich überlegeneren Männern wegdrängen zu lassen. Hanna war Symbolfigur der „Riot Grrrl“-Bewegung, die in den 1990er-Jahren entstand, in der Hochzeit des Grunge und Punkrock. Die Szene war lange Zeit männlich dominiert: Frauen waren auf der Bühne wie im Publikum selten, und wenn, dann höchstens als gefällige Groupies. Bands wie Bikini Kill oder Bratmobile waren laut, konfrontativ und politisch – in ihren Texten ging es um strukturelle Gewalt gegen Frauen und patriarchale Strukturen in der Musikszene.
„Steh auf, sei laut, komm nach vorne – lass dir nicht den Platz von Männern wegnehmen.“
Schon der Name der Riot Grrrls war ein Statement: Das extra „rrr“ sollte wie ein Knurren klingen – nicht süß, brav oder passiv, sondern wütend, laut, kämpferisch. Sprachlich wollten die feministischen Punks ein eigenes Selbstverständnis ausdrücken, unabhängig von männlich geprägten Normen. Das Ziel war klar: mit dem Bild des „lieben Mädchens“ brechen.
Die 90er-Musikwelt hatte generell klare Rollenbilder für Frauen: süß, sexy, gefällig. Kaum jemand stellte diese ernsthaft infrage. „Girl Power“ wurde gefeiert – solange sie verkaufbar blieb, erinnern wir uns an die Spice Girls. Hochglanz-Pop und kalkulierte Rebellion verpackten Weiblichkeitsbilder neu, doch wirklich gesprengt wurden sie selten.
Eine radikale Ausnahme war Skin von Skunk Anansie: kahl rasierter Kopf, aggressive Texte, kein Lächeln wenn es erwartet wurde. Als Schwarze, offen queere Frontfrau in einer von weißen Männern dominierten Rockszene zeigte sie, dass Weiblichkeit auch anders aussehen kann – unbequem, laut, rebellisch. Als junger, wütender Teenager fand ich sie wunderbar. Sie machte sichtbar, dass Rebellion, Selbstbestimmung und politische Aussagekraft auch in der Rockmusik möglich sind.
„Yes, it‘s fucking political – everything‘s political – wer still bleibt, stimmt den Regeln zu.“
Heute wird Feminismus häufig an Beispielen wie Ikkimel diskutiert. Sie provoziert mit expliziten, stark sexualisierten Texten, bezeichnet sich selbst als Fotze und deutet alte Macho-Schimpfwörter um. „Es nimmt den Wörtern den Beleidigungsspielraum“ sagt sie selbst. Damit spricht sie viele junge Frauen an. Sie spüren, „ich darf laut sein. Ich darf sexuell aktiv sein. Ich darf anecken“. Und obwohl Musikerinnen wie Ikkimel Begriffe neu deuten und selbstbewusst über ihren Körper bestimmen, bleibt häufig die gleiche alte Bewertungslogik: attraktiv = wertvoll. Eine echte Befreiung von dieser Logik ist noch lange nicht in unserer Gesellschaft angekommen. Das würde bedeuten, den Wert eines Menschen unabhängig vom Körperbild zu sehen und unabhängig von seiner geschlechtlichen Zuordnung.
Ich wünschte mir eine Welt, in der Vielfalt selbstverständlich ist
Die Riot Grrrls wurden schnell verschrien. Als sie Anfang der 1990er mediale Aufmerksamkeit erhielten, reagierte die Presse mit vertrauten Reflexen: hysterisch, überdreht, aggressiv – so lautete das vereinfachte Bild. Dabei brachten die Musikerinnen ernstzunehmende Themen wie Gewalt, Missbrauch und strukturellen Sexismus auf die Bühne. Doch statt sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen, kritisierten die Berichterstatter ausschließlich ihren Tonfall.
„Hysterie“ wurde dabei oft verwendet, dabei ist dies beileibe kein neutraler Begriff: Jahrhundertelang wurden Frauen als instabil dargestellt, ihre Wut als irrational abgewertet. Männliche Wut galt als Entschlossenheit; weibliche Wut wurde als Überreaktion diffamiert. Dieses Muster zieht sich bis heute durch, auch in sozialen Medien: Tonfall und Aussehen einer wütenden Frau werden diskutiert, ihre Argumente dagegen selten.
„Gefällig sein? Nicht wir. Alles, was wir tun, ist politisch.“
Bald ist der 8. März – der internationale Frauentag, oder auch feministischer Kampftag genannt. Die Themen der Riot Grrrls sind noch immer aktuell: Es gibt nach wie vor unglaublich viel physische und psychische Gewalt an Frauen, Lohnlücken, unfaire Verteilung von Sorgearbeit und Alltagssexismus. Frauen haben weiterhin viele Gründe, wütend zu sein – und sichtbar, laut und unbequem zu werden. Deshalb: geht auf die Straße am 8. und 9. März. Das Töchterkollektiv organisiert Demos, aber auch politische Parteien in eurer Nähe haben möglicherweise was auf die Beine gestellt.
Habt ihr keine Kraft zum streiken und seid in den sozialen Medien unterwegs? Dann könnt ihr unter den Hashtags #Frauenstreik2026 und #CareOhnePause Bilder von eurem Alltag zeigen. Denn viele Frauen, gerade Alleinerziehende, haben keine Kapazitäten, streiken zu gehen. Wenn sie ausfallen, springt niemand ein. Mit den Hashtags könnt ihr eine andere Form des Streiks wählen und gleichzeitig auf Missstände aufmerksam machen. Lasst uns den feministischen Kampftag nutzen, um auf die altbewährten Ungleichheiten hinzuweisen. Jede auf ihre Art. Lasst uns laut, sichtbar und wütend sein! Egal ob weiblich, männlich, dazwischen, Schwarz, weiß, dick, dünn, jung, alt, mit oder ohne Behinderung… Let’s go girls, to the front!

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