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Die Sehnsucht nach Gemeinschaft

Vor einem Jahr wurde die „Generation Corona“ heraufbeschworen und es gab dazu eine breite, öffentliche Debatte. Es hieß, junge Menschen zwischen 15 und 25 seien von Corona nochmal anders getroffen als Ältere. Nämlich mitten in der intensivsten Bewegungs- und Suchphase ihres Lebens. In einem Artikel wurde beschrieben, dass die Gesellschaft schon seit längerem dabei sei, zu vereinzeln. Corona habe die Situation nur deutlich verschärft. Bei all der Vereinzelung hätten wir inzwischen verlernt, was echte zwischenmenschliche Begegnung bedeutet. Insbesondere junge Menschen sehnten sich nach Begegnung, aber auch nach Kollektivität. Also dem Wunsch, sich in einer Gemeinschaft wiederzufinden. Sie wüssten aber nicht mehr, wie es geht, sich echt und authentisch zu begegnen.

Heute, ein Jahr später, würde ich die These noch ausweiten: Es sind nicht nur die jungen Menschen, die sich nach Kollektivität sehnen, auch wenn sie vielleicht besonders betroffen sind. Es betrifft nahezu alle Generationen, in verschiedenen Lebensphasen und -entwürfen. Und vermutlich geht es sehr vielen Menschen so, dass sie in Begegnung nicht mehr geübt sind. Ich selbst bin inzwischen regelmäßig überflutet von Reizen, sobald ich auf mehr als eine Handvoll Menschen treffe.

Aber trotz aller Unbeholfenheit in zwischenmenschlicher Begegnung sehnen wir uns auch nach Kollektivität. Und wer sich für eine Sache brennend interessiert, schafft es, Leute zu mobilisieren und sich kollektiv wahrzunehmen. Themen dafür gibt es ja genug. Manche fühlen sich abgehängt, von Politikern und ihren Maßnahmen überfordert. Ich selbst fühle mich von der noch viel langsameren Klimapolitik nicht ernstgenommen. Ja, und auch jene, die für eine freie Impfentscheidung und gegen Spaltung und Hetze protestieren, sehnen sich nach Gemeinschaft. Auch wenn die treibenden Kräfte hinter den „Montagsspaziergängern“ alles andere als gemeinschaftsbildend sind. Es bildet sich Widerstand, und er wächst kollektiv, in verschiedene Richtungen. Auf der Straße spüren wir die physische Begegnung. Und wenn wir im zweiten Jahr der Pandemie, ausgehungert nach Begegnungen, Beziehungen, Kontakt sind, dann freuen wir uns, auf Gleichgesinnte zu stoßen.

Meinen letzten Geburtstag verbrachte ich mit Freunden auf der Klima-Demo unter tausenden Menschen. Kürzlich war ich auf einer Kundgebung für Demokratie und gegen rechte Demagogie. Hannes Wader wurde zitiert:

Leben einzeln und frei
Wie ein Baum und dabei
Brüderlich wie ein Wald
Diese Sehnsucht ist alt

Sie gibt uns Halt
In unserem Kampf
Gegen die Dummheit, den Hass, die Gewalt
Wir Gefährten im Zorn
Wir Gefährten im Streit
Mit uns kämpft die Vernunft und die Zeit

Begleitet von guter Musik und friedlichen Menschen, mit denen ich mich auf irgendeine Weise verbunden fühle, ist Demonstrieren eine schöne Sache. Ich vermute, dass es den Montagsspaziergängern ähnlich geht. Somit ist es nicht nur der Inhalt, für den Menschen gerade auf die Straße ziehen, es ist auch das Spüren von Begegnung. Das verbindet uns Demonstrierende, egal aus welchem Lager.

Dabei stehe ich persönlich zwischen den Stühlen, denn ich demonstriere mit Freunden und Gleichgesinnten, wohl wissend, dass auf der anderen Seite Verwandte und Bekannte von mir stehen. Das gehört wohl auch wieder dazu, wenn wir uns positionieren. Aushalten, dass es gegenteilige Meinungen, Spannungen und Konflikte gibt. Das sind wir nicht mehr gewöhnt, wo wir uns in den letzten zwei Jahren so wahnsinnig gut in Zurückhaltung geübt haben. Konflikte wollen geübt werden, in Begegnungen. Konflikte die sonst am Frühstücks- oder Stammtisch ausgetragen wurden, bringen wir heute auf die Straße. Hoffen wir, dass wir dies möglichst diszipliniert, friedlich und auf Augenhöhe schaffen, im Kollektiv. Auch das ist Begegnung. `

Published inAllgemein

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