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Über Vernunft, Angst und andere Gefühle

Neulich las ich einen interessanten Artikel über Vernunft und Gefühle. Seit der Aufklärung stünde die Vernunft im Vordergrund. Schon Descartes sagte 1641 Cogito ergo sumich denke also bin ich. Erst wenn ich denke, bin ich… Dem Denken, der Vernunft, wurde seither ein hoher Stellenwert eingeräumt und hält bis heute an. Gefühle werden kleingeredet, man spricht nicht gern über Emotionen. Das wird mir in unseren Kommunikationstrainings deutlich. Gerade im beruflichen Kontext fällt es Menschen schwer, über Gefühle zu reden. Besonders Männern. Daher freuen wir uns immer, wenn Frauen an den Trainings teilnehmen, denn Frauen gelingt es leichter, Emotionen in die Runde zu bringen. Aber in einer nach wie vor männerdominierten Gesellschaft ist es schwer, Gefühle mitzuteilen. Wer es auf die Probe stellen will, sollte mal versuchen, sich mit seinem Automechaniker über Gefühle zu unterhalten.

Nicht, dass ich nicht gerne rational entscheide, mir fehlen nur manchmal die Emotionen in Gesprächen. Ich zitiere aus dem Lied „Da Draußen“ von Sarah Lesch:

Ich weiß das, weil ich es spüren kann
Das ist alles, was mir blieb

Ich hab keine Worte nur Tränen
Für die Meisten ist das nicht viel

Ich weiß nicht, wem ich noch glauben kann
Also glaube ich meinem Gefühl

Es heißt weiter in dem Artikel, dass in einer Gesellschaft, in der Gefühle wenig Raum haben, bzw. Menschen ihre Gefühle nicht gut einordnen können, Angst ein leichtes Spiel hat und eine Gesellschaft schnell polarisieren kann. Etwas, das wir derzeit gut an mehreren Stellen beobachten können. In der Corona-Krise, in der EU-Flüchtlingspolitik, in den USA, und nicht zuletzt in der Klimakrise.

Wer wütend ist, ist nicht wachsam
Und sieht nicht, was wirklich passiert

Wer Angst hat, fängt an zu beißen
Wer sich hilflos fühlt, funktioniert

Wer über Flüchtlinge schimpft, scheint seine Empathie für dessen Schicksal verloren zu haben. Aus dem Schimpfenden spricht Angst. Aber wir Menschen sind nun mal empathische Wesen, das behauptet auch die Autorin des Artikels. Und mangelnde Empathie – für andere, aber auch für sich und seine eigenen Bedürfnisse – führt dazu, dass wir uns von uns selbst entfremden. Was mich wieder an unser Konsumverhalten erinnert. Unsere Wegwerfgesellschaft ist Ausdruck großer Entfremdung. Mit uns selbst aber auch mit unserer Umgebung. Wie sonst könnte man sich erklären, dass wir uns Essen reinstopfen, das uns nicht gut tut? Dass wir einer Tätigkeit nachgehen, die uns zwar Geld bringt, die uns aber nicht im Mindesten erfüllt? Dass wir den Bezug zur Natur und unserer Umwelt so verloren haben? Wer ausschließlich rational entscheidet, läuft Gefahr, sein eigenes Wesen zu verleugnen. Die Autorin des Artikels fordert: Man solle mehr „Mut haben, zu fühlen“. Das gefällt mir.   

Denn Mut heißt nicht, keine Angst zu haben
Mut heißt nur, dass man trotzdem springt

 Wenn ich gefragt werde, warum ich mich genau für das Leben entschieden habe, das ich lebe, kann ich darauf keine rationale Antwort geben. Ich arbeite wenig, weil es meinem Sohn und mir guttut. Bauchgefühl. Einmal bin ich gefragt worden, warum ich noch daran glaube, dass die Menschheit den Klimawandel aufhalten kann. Es ist wohl weniger ein Glaube im theologischen Sinne als auch mehr ein Bauchgefühl. Gemischt mit Hoffnung, die trotz allem Fatalismus nicht kaputtzukriegen ist. Ja, es sieht scheiße für uns aus. Aber ich WILL einfach nicht aufhören zu hoffen, dass Generationen nach mir noch auf diesem Planeten wohnen könnten.

Und ja, vielleicht holt um kurz vor zwölf ein milliardenschweres Unternehmen ein längst vergessenes Patent aus der Schublade hervor, das es irgendwann einem kleinen Startup abgekauft hat, und rettet damit die Welt. Es gibt zahlreiche kluge Köpfe auf der Welt mit verrückten Ideen. Kürzlich las ich über ein Projekt aus dem Silicon Valley. Die Arktis wolle man mit winzigen Glaskügelchen bestreuen, die das Sonnenlicht von der Erdatmosphäre reflektieren, um das verbliebene Eis und somit das Klima zu schützen. Abgefahrene Idee! Keine Ahnung, was das Ökosystem davon hält, aber es zeigt, dass auch im großen Stil an Ideen zum Klimaschutz gearbeitet wird.

Wenn die EU heute den Ausstieg des Verbrennungsmotors für 2030 beschließen würde, bin ich mir sicher, dass die Autoindustrie zackig in die Puschen käme um Alternativen marktfähig zu machen. Und darum halte ich daran fest, mich für den Klimaschutz einzusetzen, zu demonstrieren. Vielleicht geht es gut. Sicher bin ich mir nicht. Unbestimmtes Bauchgefühl. Aber, um Sarah Lesch noch einmal zu zitieren:

Denn ich hab Angst um meine Freiheit
Ich hab Angst nach der Wahrheit zu fragen
Ich hab Angst vor meiner Freiheit
Ich hab Angst die Wahrheit zu sagen

Ich hab Angst, mich richtig zu zeigen
Ohne Mauern und Heiligenschein
Ich hab Angst, dass wieder einer der Feind sein soll
Ich hab Angst, der Feind zu sein

Aber Mut heißt nicht, keine Angst zu haben
Mut heißt nur, dass man trotzdem springt
Und ich weiß, dass man die Angst vergisst
Wenn man singt

Published inAllgemein

2 Comments

  1. Tina Tina

    Liebes,
    nach unserem kurzem Treffen heute habe ich wieder dran gedacht….und prompt war da dieser schöne, weisende Text!
    Ich stelle fest, ich habe sehr vermisst von dir zu lesen!
    Dann hoffe ich auf ein kurzfristiges Wiedersehen am Freitag in AK?
    Meine erste Demo in meinem Leben… kostet mich schon Mut. Der Text von Frau Lesch passt für mich genau und zwar sehr!

    Zum Glück kann man sich virtuell noch drücken und ich dich ganz fest….!

    Liebe Grüße

    • Nadja Nadja

      Liebe Tina, wie schön, deine Worte zu lesen. Da steckt viel Gefühl drin 🙂 Ich würde mich sehr freuen, dich morgen in AK zu treffen… Fühl dich umarmt.
      Liebe Grüße

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